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Mein Woll-Leben

Der Laden

Meine Uroma ist alles schuld! Sie brachte mir mit fünf Jahren das Stricken bei und seitdem kann ich nicht mehr ohne! Ob in der Schule, im Urlaub, im Studium, in Bus und Bahn, das Strickzeug wurde mein ständiger Begleiter. So mancher Mann äugte eifersüchtig auf die Nadeln, doch wer mich wollte, musste mich mit samt meiner Strickwut nehmen.

1985 war ein „verhängnisvolles“ Jahr für mich. Ich war Studentin, der Strickboom in vollem Gange und ich erprobte in Köln ein Wollgeschäft nach dem anderen. Irgendwann stieß ich auf das „Wollkörbchen“ im Bazaar de Cologne. Das war ein Laden! So viel und so schöne Wolle hatte ich noch nie auf einem Haufen gesehen. All mein Geld ließ ich damals in diesem Geschäft, und ich tat es gerne.

Frau Schiffer, die Inhaberin, erkannte bald meine Liebe zur Wolle und auch, dass ich nicht nur gut stricken konnte, sondern auch verkäuferisches Talent besaß. Deshalb machte sie mir Ende 1986 das Angebot, bei ihr zu arbeiten und Teilhaberin zu werden. Doch zu dieser Zeit ahnte ich schon, dass das Geschäft uns beide nicht tragen würde. Und so führten mich ein halbes Jahr später meine Wege hinaus aus Köln in eine ganz andere berufliche Richtung.

Doch wie heißt es so schön? Man begegnet sich im Leben nicht nur einmal. Im Sommer 1991 rief mich Frau Schiffer an und bot mir ihr Geschäft zum Kauf an. Und eine Stimme in mir sagte: „ja, das ist es, was Du willst“. So wurde ich im April 1992 stolze Besitzerin des „Wollkörbchens“, das mit meiner Übernahme den Namen „Casa Lana“ trug.

 

 

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Eine ruhige Zeit erwartete mich, der Boom war vorbei, kaum jemand strickte noch. Ich ließ mir allerhand einfallen: eine Wollknäuel-Sammelaktion für Flüchtlinge, Ausstellungen von Strickkünstlern, Kurse und vieles mehr. Dennoch plätscherte das Geschäft leise vor sich hin.

Dann, sechseinhalb Jahre später, wurde der Bazaar de Cologne geschlossen. Ich musste umziehen, fand ein neues Ladenlokal im Olivandenhof. Die Lage war viel besser, auf einmal hatte ich Laufkundschaft und mehr zu tun. Auch war deutlich zu spüren, dass Stricken wieder an Attraktivität gewann. Endlich stiegen die Umsätze und was noch viel besser war: es gab wieder traumhaft schöne Garne.

 

b1Doch es war mir nicht vergönnt, im Olivandenhof zu bleiben. Wieder einmal genau sechseinhalb Jahre später gingen Gerüchte um, dass auch dieses Einkaufszentrum geschlossen würde. Also machte ich mich erneut auf die Suche nach einem neuen Ladenlokal und fand eines an der Breite Straße, diesmal nicht in einer Passage, sondern direkt an der Straße. Die Lage war toll, das Geschäft lief, viele neue Kundinnen kamen zu mir und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, ein wenig von dem zurück zu bekommen, was ich in das Geschäft investiert hatte.

 

2008 bot mir der englische Großhändler Designer Yarns an, die neu gegründete deutsche Tochterfirma zu leiten. Diese Herausforderung reizte mich und so betreute ich in den folgenden Jahren mehr als 500 Fachgeschäfte in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Benelux. Meine „Casa Lana“ lief gut, ich hatte tüchtige Mitarbeiterinnen. So verbrachte ich vormittags im Büro und nachmittags im Geschäft. Meine Erfahrungen aus dem Einzelhandel konnte ich in den Großhandel einbringen und meinen Laden mit vielen neuen Marken wie „Noro“, „Debbie Bliss“, „Louisa Harding“ oder „Mirasol“ bereichern.

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Und dann kam mein 25-jähriges Geschäftsjubiläum immer näher. In mir reifte der Gedanke, mein Geschäft, mein Herzblut, mein erstes Kind zu verkaufen. Warum? Weil nichts in den Kleidern stecken bleibt. Eine Sechs-Tage-Woche mit dieser Doppelbelastung und Verantwortung für 20 Mitarbeiter, ein Unternehmen und ein Geschäft, die Buchhaltung an den Sonntagen - das habe ich immer gerne gemacht, aber auch ich wurde älter. Eine Mitstreiterin, die in einem Kölner Stadtviertel bereits ein Wollgeschäft besaß, war an der Übernahme interessiert. Und der Gedanke, ein wenig von der Belastung abgeben zu können, mein Geschäft in gute Hände zu geben und mich vollständig auf den Großhandel zu konzentrieren, war sehr verlockend.

Ich hatte Glück, der Verkauf der „Casa Lana“ lief reibungslos, meine Nachfolgerin Laura von Welck war genau die richtige Frau, mit derselben Liebe und Leidenschaft, die auch mich immer angetrieben hat. Und so ging Ende Mai 2017 meine Ära zuende und ihre neue begann unter dem neuen Namen „Lauras Wollladen“.

 

Ja, nun könnte die Geschichte eigentlich enden. Aber nichts ist so beständig wie die Veränderung. Ohne näher darauf einzugehen geschah es zu meinem Entsetzen, dass Ende 2018 der englische Großhandel Designer Yarns Insolvenz anmelden musste. Weil unsere deutsche Firma 100%ige Tochter war, bedeutete das auch für uns das Ende. Das war eine bittere Pille. Auf einmal war ich arbeitslos, und das mit fast 60 Jahren.

Es musste ein neuer Plan her, damit ich diesen Schlag verkraften konnte. Und wieder einmal hatte ich verdammt viel Glück. Die amerikanische Firma Knitting Fever wollte mich als Beraterin für den deutschen Markt und zwei Firmen, mit denen wir bei Designer Yarns gearbeitet hatten, baten mich, den Vertrieb für Deutschland und Europa in eigener Regie zu übernehmen.

Und so entstand mein neues Woll-Leben. Ich stelle Knitting Fever meine Kenntnisse und Kontakte zur Verfügung und biete interessierten Einzelhändlern die kleinen, aber feinen Kollektionen von „Brittany Needles“ und „Lotus Yarns“ an. Und ein Nachmittag in der Woche ist mir heilig. Das ist der, an dem ich zu meinem Stricktreff gehe und dort mit Menschen zusammenkomme, die das Stricken genauso lieben wie ich. Mein Leben ist wieder schön und bunt und international. Ich lerne so viel Neues und bekomme so viel positives Feedback von meinen Kunden! Ich bin glücklich und dankbar für jeden Tag, den ich erleben durfte. Keinen davon möchte ich missen, denn ohne sie wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.